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Lakritzschnecke zu tun?
Der entwickelte Grad individueller Wahr- nehmung ist entscheidend fuer alles, was Menschen tun und wie gut sie es tun. Ein Koch, der nichts riecht und nichts schmeckt, wird wohl kaum in der Lage sein, mit eingeschraenkter Sinnes- wahrnehmung aussergewoehnliches zu leisten. Ein Politiker ohne Empathie und Sozialkompetenz, fixiert auf das eigene Lebensumfeld, wird die Probleme sozial schwacher Menschen und Minderheiten nicht verbessern. Er folgt nur seiner Wahr- nehmung. Und ein Fotograf, der lediglich eine Kamera technisch bedienen kann, wenn auch gut, wird niemals in einer Weise Fotografien anfertigen, die von Relevanz sind. Nun gehen wir alle in unserem Unterbe- wusstsein davon aus, dass jeder ueber die gleichen Wahrnehmungsfaehigkeiten ver- fuegt. Und das begruendet unsere Anspruchs- und Erwartungshaltung anderen gegenueber. Vielleicht liegt darin der entscheidende Irrtum zu glauben, fast ausnahmslos alles genauso gut zu koennen, wie jeder andere und des- halb alles auch genauso gut beurteilen und bewerten zu koennen. Die Antwort ist schon deshalb falsch, weil jeder Mensch eine andere ausgepraegte, Wahrnehmung fuer genauso unterschied- liche Teilbereiche und Themen entwickelt. Wahrnehmung hat was zu tun mit Tiefe; mit emotionaler Sensibilitaet, mit dem Blick fuer Details und Veraendungen und mit der intellektuellen Faehigkeit, Sachverhalte und Situationen zunaechst ganzheitlich zu erfassen. Das unterscheidet Bedeutungslosigeit von Relevanz. Nicht nur in der Fotografie, sondern in allen Lebensbereichen. Die Frage ist, ob man das lernen kann? Kann man seine eigene Wahrnehmung optimieren? Ich behaupte, ja. Und die Methode dazu laesst sich sogar bildlich darstellen. Stellen wir uns also eine Haribo Lakritz- schnecke vor, die einen wie auch immer, vorgegebenen Gesamtsachverhalt, eine zwischenmenschliche Situation oder ein Objekt darstellt.   Sagen wir, wir stehen von einer Kirche und machen ein erstes Foto. Vielleicht bewegen wir uns auch ein paar Meter und machen Zwei. Vielmehr Muehe wollen wir uns nicht geben, weil es da ja augen-scheinlich noch so viel anderes zu entdecken gibt. Die Wahrheit aber ist: Wir „sehen“ es schlichtweg nicht! Menschen mit einer ausgepraegten Wahr- nehmung fangen an, die Lakritzschnecke wie einen Film abzurollen, um am Ende auf den Kern zu kommen. Aus einzelnen Fotos entsteht jetzt eine Bildstrecke, die mit globalen Ansichten begann und jetzt mit der kunstvollen Schmiedearbeit des Tuergriffs am Eingang der Kirche endet. Vielleicht. Aber auch das reicht noch nicht. Natuerlich ist es von Interesse, wann und wer diese Kirche gebaut hat. Wahre Bedeutung bekommt diese Kirche nebst Fotografien naemlich erst mit der Kenntnis ueber ihre Geschichte; und das bis zu der Antwort, „welcher Schmied den Tuergriff gemacht hat,“…was uns dann folgerichtig zur naechsten Geschichte fuehrt. Nun aber wollen wir doch in die Kirche rein und finden Menschen im stillen Gebet  vor. Wer jetzt sein Smartphone zueckt oder den Ausloeser seiner Kamera betaetigt, dem wuerde ich schon jetzt jede Faehigkeit zur „Wahrnehmung“ absprechen. Und doch sehen wir derartige Situationen praktisch taeglich an jedem Ort. Wer aber anfaengt Sensibilitaet und Wahrnehmung zu entwickeln, wird einige Eigenschaften sehr schnell verlernen. Desinteresse, Ignoranz und die reduzierte Ich-Bezogenheit. Stattdessen foerdert man die Sensibilitaet fuer Veraenderungen und lernt, wie man sich Zugang verschafft. Und dies sowohl zu gegegnstaendlichen Dingen als auch, und das insbesondere, zu Menschen und zwischenmenschlichen Situationen! Eine ausgepraegte Wahr- nehmung verleiht uns die Faehigkeit, Fragen zu stellen. Im Umkehrschluss:  Wer nichts fragt, zeigt auch fuer nichts Interesse. Wenn ich persoenlich scheitere, dann an der Verzweifelung solcher Defizite. Vielleicht wird vor diesem Hintergrund jetzt auch deutlich, welchen Stellenwert „Street Photography“ wirklich hat und warum Portrait Fotografie die Auseinandersetzung mit der Person erfordert. Wer einen Menschen nicht wahrnehmen  will oder kann, sollte ihn auch nicht portraitieren, was nicht bedeutet, dass er ihn nicht  fotografieren darf. Menschen werden zu dem was sie sind nur aus einem einzigen Grund: Gelebte Eigenerfahrungen. Im Guten wie im Schlechten. Der Fokus unseres Lebens beeinflusst die qualitative Aus- praegung unserer Wahrnehmungsfaehigkeit. Und die sollte sich auch in der Bildsprache unserer Fotografie widerspiegeln. Ein Fotograf, dessen Teile seines Lebens sich mit Krieg beschaeftigen, hat  eine gaenzlich andere Wahrnehmung, als jemand, der Fashion fotografiert. Robert Capa (Magnum Photo) war so ein Fotograf. Aber auch er brauchte Auszeiten von dem Entsetzen seiner taeglichen Motive. Zurueck in Paris konnte seine Wahrnehmung  die Dekadenz und Oberflaechlichkeit der Pariser Gesellschaft nicht ertragen. Er ging zurueck an die Front, an der er auch starb. Wer also die Arbeit von Menschen verstehen will, die zu Lebzeiten nur als Fotografen, Dichter, Jounalisten oder Musiker bezeichnet wurden, teilweise gedemuetigt, verachtet und verspottet, aber heute, lange nach ihrem Ableben, mit den Jahren zu den wichtigsten Kuenstlern ueberhaupt! avancierten, deren Werke fuer Millionen gehandelt werden, der sollte deren Biografien lesen.  Egal ob Literatur, Musik oder Fotografie; dass ist der Weg, um sich Zugang zu ver- schaffen und die Lakritzschnecke von etwas vordergruendig einfachem in relevanten Kontext zu verwandeln. Und tatsaechlich versteht man dann am Ende von allem ein bischen mehr. Vielleicht sollte man sich zur taeglichen Erinnerung einfach mal eine Lakritzschnecke auf den Schreibtisch legen…
Was hat Wahrnehmung mit einer
Aus der sicht eines Photographers.
Schreibt mir eine Mail, wenn es dazu Fragen gibt: BackOffice@ChristianvonderEltz.com
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